HONDA NTV REVERE

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Man muß nicht unbedingt 15.000 Euro für ein ordentliches Motorrad ausgeben. So manche moderne Entwicklung befriedigt überhaupt nicht, und in vielen Fällen werden Bedürfnisse der Käufer nicht oder nur teilweise beachtet. Was soll man sich also noch kaufen?

Sicher gibt es interessante Bikes, aber wenn es ein Arbeitstier werden soll, was ohne Kettenfett auskommt und wirklich immer anspringt, dann bleibt da nicht viel. 100.000 Kilometer auf dem Tacho sollen auch normal sein und möglichst ohne größere Eingriffe erreicht werden. Auch die Sozia möchte bequem sitzen, und dann soll da auch noch ausreichende Leistung vorhanden sein und der Verbrauch sollte möglichst niedrig sein. Die Wartungsintervalle möglichst lang. Zudem viel Spaß und ein echter Kurvenflitzer soll es sein, und das Fahrwerk perfekt und gutmütig.

Tja, da wird die Luft schon dünn. Den Tipp habe ich aus dem Internet. Greif doch auf die alte NTV Revere zurück. Die ist letztlich eine Deauville, nur ohne Verkleidung. Mit etwas Glück bekommt man die in gutem Zustand und mit ca. 30.000 Kilometer um die 2000 Euro. Na, das wäre ja ein genialer Deal und das auch noch mit Kardan. Gibt´s nicht?

Doch.

Erfahrungen

Gesagt und gesucht.

Und hier mal die Erfahrungen von
18 Monaten täglicher Nutzung (15.000 Kilometer):
Tachostand 45.000 Kilometer

Fahrwerk

Sehr einfach aber ordentlich abzustimmen, extrem stabil und nie der Anschein, daß sich da was bewegt. Unglaublich sicher und keinerlei Lastwechselreaktionen durch den Kardan. Schluckt straff aber komfortabel auch miese Straßen, und mit zwei Personen ist das Fahrwerk überhaupt nicht beeindruckt. Mit der richtigen Einstellung hinten ist die Sozia praktisch nicht vorhanden.

Vordergabel ok., Federwege ausreichend, und stabil ist die Gabel allemal.

Sitzposition

Endlich haben wir den Schwachpunkt. Leute mit mehr als 175cm sitzen einfach beschissen auf der Kiste. Die Knie werden zusammengestaucht und sooo toll ist das nicht. Abhilfe hat hier ein Eigenumbau der Sitzbank gebracht.

1.) Leder runter
2.) Den Schaumgummi vorsichtig rausnehmen.
3.) 12 Schaumgummi Klötzchen ca. 4 cm dick, auf die Grundplatte zu je 6 je Seite gleichmäßig verteilen und ankleben. (Doppelseitiges Klebeband)
4.) Den Schaumgummi auf den Klötzchen auflegen und ausrichten.
5.) Klebeband (Packband) um die ganze Sache herum ankleben. Die entstandenen Abstände müssen dicht überklebt sein. Auch einige Streifen quer anbringen, damit sich nichts verschieben kann. Ganz wichtig ist, vorne auf der Tankseite Höhe zu bekommen. Nicht zu fest ziehen, damit die Höhe erhalten bleibt.
6.) Die Sitzbank auf den Rücken legen und mit einer Dose Bauschaum durch die unteren Öffnnungen auffüllen. Vorsicht: Nicht zu viel einspritzen, denn der Schaum geht wie ein Hefeteig auseinander. Regel: Die Hälfte was man einspritzen würde ist noch zu viel.
7.) Aushärten lassen.
8.) Der Bauschaum quillt immer etwas aus den Öffnungen. Erst mit einem Messer entfernen, wenn er wirklich fest ist. Geht einfacher.
9.) Klebeband entfernen und ggf. entstandene Beulen mit einer Feile begradigen.
Die Sitzbank kann nun probegesessen werden. Etwas (ca. 3-5mm) wird der Schaum über die Zeit noch nachgeben. Aber er hält bei mir seit einem Jahr und täglichem Gebrauch mit 95 Kilo Fahrer.
10.) Leder besorgen und neu beziehen. Das Kunstleder kostet ca. 15 Euro und die Gefahr, daß man Fehler beim Beziehen macht, ist somit zu vertreten. Kann man aber auch machen lassen.

Alternative Version: Sitzkissen in die Hose stopfen.

Motor

Ist ein gutmütiger Esel, der V650 von Honda. Er werkelt in diversen Modellen zuverlässig und treibt auch Wüstenschiffe an, und das ohne zu meckern. Dieser Motor ist mit immer ausreichend Öl praktisch unkaputtbar.

Mit seinen etwas über 50 PS ist er nicht lahm und auch nicht schnell. Solo kann man damit problemlos leben. Aber es gibt auch hier einige Möglichkeiten, einen Schritt weiter zu kommen.

Anderen Luftfiltereinsatz (K&N) und den Auspuff ersetzen (BSM) und schon werden einige PS mehr frei. Ich habe sogar die Einlaßkanäle poliert, und das in einer Stunde. Vergaser abbauen, in die Ansaugkanäle eine dickes Stück Schaumstoff stopfen. Muß ganz bis hinten fest reingestopft werden und alle seitlichen Kanten müssen auch dicht sein.

Dann mit feinem Schmirgelleinen (400er reicht) mit dem Finger in stetiger Handarbeit schleifen. Ja, da werden die Augen feucht, wenn man das erste mal in einen Ansaugkanal der NTV fassen durfte. Da tun sich Abgründe auf. So rauh kann Guß sein. Also schleifen schleifen schleifen. Und irgendwann ist die Sache glatt wie ein Kinderpopo.

Jetzt einen Staubsauger nehmen und intensiv die Kanäle aussaugen. Möglichst auch gleich die Schleifspäne an dem Schaumstoff mit absaugen. Notfalls muß man sich ein Aufsatzrohr für den Staubsauger besorgen. So etwas gibt es im Handel in Standardgrößen. Großes Rohr ist hier überhaupt nicht gefragt.

Dann den Schaumstoff mit einer Zange herausziehen. Finger nehmen und vorsichtig den restlichen Staub entfernen. Es eignet sich hierzu, ganz besonders zu empfehlen, auch ein Reinigungstuch wie es Lackierer verwenden. In den Ansaugkanälen darf kein Dreck bleiben und kein Körnchen. Niemals Öl verwenden, denn dann wird der Kanal nie sauber und natürlich kein Wasser zzzz.

Bringt sofort runderen Lauf, und ich schätze mal 5% mehr Leistung.

Öl Ich verwende synthetisches Öl. Das gibt es speziell beim Motorradhändler und macht der Kupplung der NTV absolut nichts.
Einstellungen

Der Motor benötigt keine Zündeinstellung. Die Vergaser sollten nach Einstellung der Ventile synchron eingestellt werden. Ich mache das immer, denn ich habe mir zwei Einstelluhren besorgt. Hier mal der hoffentlich noch richtige Link.

http://www.motorradversand.de/cgi-bin/zubehoer/test_und_einstellgeraete/SH63H848.htm

War der billigste und lieferte prompt.

Ventile einstellen ist ein Graus. Der vordere Zylinder ist eine Zumutung. Man muß erst mal den Kühler nach vorn klappen, und dann ist es immer noch Fummelei bis der Deckel runter ist.

Meine Erfahrung ist:
1.) Die Einlaßventile sind praktisch immer richtig, und nachstellen war bisher nie nötig.
2.) Auslaß ist nach 12.000 Kilometer kaum verstellt. Es reicht eine Einstellung alle 24.000 Kilometer, dann sind sie etwas locker.

Das sollte man nicht tun

Die Fußdichtungen der NTV vertragen keinen Hochdruckreiniger. Auch wenn es einen richtig dazu animiert, zwischen die Zylinder zu blasen. Spar Dir das auf jeden Fall, und mach den Motor mit einer Flaschenbürste aus Kunststoff und einem Motorreiniger sauber.

Das Problem ist einfach. Die Dichtungen werden einfach zerstört. Der Motor beginnt zu suppen. Es gibt einen Trick, den ich nach vielen schlaflosen Nächten ausgetüftelt habe. Einen Klarlack nehmen, der etwas Hitze abkann (Motorlack) und die Kante der Fußdichtung zupinseln. Bei mir ist die Dichtung wieder dicht und seit 10.000 Kilometer keinerlei Probleme. Natürlich vorher gründlich von Fett befreien.

Ansonsten Hochdruckreiniger nicht verwenden. Oder mindestens 2 Meter Abstand. Die Schäden wiegen die Zeitersparnis nicht auf.

Reifen

Auch wenn die Meinungen da immer auseinander gehen. Bei der NTV gibt es derzeit nur einen Reifen, den man empfehlen kann.
Der Bridgestone ( http://bridgestone.de/index2.html )

Wer sich mit einem Michelin oder anderem Mistzeug abgeben mußte, der beginnt in der ersten Kurve zu jubeln und will nicht mehr von der Kiste. Das ist unglaublich, wie man mit einem Bridgestone durch Kurven knallen kann. Das Teil liebt Regen und auch gnadenlose 45 Grad im Schatten. Motorrad aus der Garage holen, anwerfen und sofort Gripp.

Auch Fahrer von BMW und anderen Motorrädern berichten von einem neuen Motorrad nach dem Boxenstop. Dafür halte ich meine Hand in den Auspuff.

Reifen Daten

Vorn: 110/80-17 57H sl BT 45 F, (2,5 at)
Hinten: 150/70-17 69H sl BT 45 R (2,8 at)
Laufleistung zügiges fahren, vorn ca. 17.000 Kilometer, hinten gute 13.000 Kilometer. Er ist billiger als viele anderen Reifen und umgerechnet kommt man problemlos auf einen Michelin raus.

Zubehör

1.) Ich habe meiner NTV eine kleine Scheibe verpaßt, die es für rund 50 Euro gibt. Nackt ist ja toll, aber dauernd dicken Nacken mag ich nicht. Die kleine Scheibe ist unauffällig und schnell angebaut. Und erstaunlich ist der Effekt. Mit etwas Testen kann man die so einstellen, daß man auch 160 km/h Dauergeschwindigkeit problemlos fahren kann.

2.) Gabelbrücke und Superbikelenker.
Das war eine gute Investition. Die Gabelbrücke wird lediglich als Aufsatz geliefert. Bedeutet, alles was die Gabel hält bleibt bestehen, nur die komischen originalen Lenkerteile werden abgebaut und die Sicherungseinheit. Die habe ich einfach auf die linke Seite des Luftfilters (hängend unterer Teil der Seite) angeschraubt und die originalen Kabel nach vorn hinter die Lampe verlegt.

Man darf nicht verschweigen, daß der Umbau etwas Geduld benötigt, denn die meisten Züge müssen anders verlegt werden. Die Gaszüge habe ich vor den Lenkkopf verlegt über dem Kühler, Kupplung ist praktisch geblieben, nur die Halter habe ich teilweise etwas verbogen, um mehr Luft zu bekommen.

Den Umbau gibt es bei ABM für ca. 140 Euro ohne Lenker.
http://www.ab-m.de/home/superbike/superbike_umbauten.html

Einen Lenker bekommt man im Handel. Superbikelenker sollte jeder kennen. Ansonsten mal im Internet schlaumachen. Ich habe einen Crosslenker drauf mit 780cm Breite. Alu in gewaltiger Wandstärke. Man hat jetzt Kraft in den Armen ohne Ende und erstmals gelingen auch Kunststücke mit der NTV. Vorher nie denkbar ;-)

Ich werde mir jetzt auch noch eine Alu-Platte feilen und polieren, damit die verbleibenden Flächen auf der Gabelbrücke auch etwas ansehnlicher werden.

Der Tachohalter steht nach dem Umbau recht hoch. Da jetzt der Sicherungskasten in der Höhe fehlt, steht das Ding auf Stelzen. Ich habe die Stelzen am Instrumententräger einfach abgesägt und das Teil nun fast plan wieder angeschraubt. Die abgesägten Teile aufheben, wenn man mal zurückrüsten muß oder will.

Wo ist der Haken bei der eierlegenden Wollmilchsau?

Keiner. Echt kein Witz. Die Kiste ist schwer (220 Kilo) und fährt sich mit einigen Modifikationen wie ein angehendes Big Bike, bietet Kardan wo man sonst nur teure Alternativen bekommt, und ist wunderbar nackt und sportlich. Kann reisen ohne Ende und frisst bei totaler Raserei bei mir nicht über 7,5 Liter und bei ruhiger Fahrweise (was ist das?) und einem Holzbein um die 3-4 Liter.

Ganz traurig sind die endlos langen Wartungsintervalle.

12.000 Kilometer sind eine lange Zeit. Kein Ölwechsel zwischendurch, keine Kerze und auch sonst nichts. Komisch? Tja, das ist der Preis den man halt zahlen muß.

Optik

Ich habe die häßlichen Hupen gleich mal Silber gemacht (Hammerite) und auch den Kühlergrill lackiert. So sieht man das Ding besser und es wirkt auch breiter. Die Aluteile habe ich selbst poliert mit Scheiben und Poliermittel (sind so kleine Riegel) und auch der Lack wurde mal eingehend poliert. Aber Baujahr 1991 ist nicht zu bestreiten.

Und bevor man mich nervt. Die Spiegel ersetze ich auch noch ;-)

Zu Verkaufen? Nee, die bleibt, und wenn zur Reserve. Wahrscheinlich heißt das Ding deshalb auch Revere (naja). So etwas kommt nicht so schnell wieder.
Und wie sieht eine solche alte Schwuchtel nun aus?

Meine ist wirklich ein Mistding gewesen. Hat ein Motorradhasser seiner Frau geschenkt, und die hat nichts dran getan. Aber technisch war sie ok (die NTV) und der Motor, Kardan etc. liefen traumhaft. So habe ich trotz vieler kleiner Mängel und Kratzer im Jahr 2001 rund 3500 DM ausgepackt.

Kosten bisher?
1.) ne Kupplung
2.) kleine Scheibe
3.) Gabelbrücke und Lenker
4.) Immer mal wieder Kleinkram
5.) Kerzen, Öl, Fett.
6.) Synchronuhren
7.) Polierscheiben, um endlich mal die vielen Aluteile zu polieren.

Ihr seht, halt reine Bastelkosten. Ansonsten alles im normalen Bereich.

Nachstehend einige Bilder.

 

Honda

Für 11 Jahre schaut sie jetzt schon mal ganz ordentlich aus.

NTV

Durch die ABM Gabelbrücke (Adapter) und Superbike-Lenker
endlich erstklassiges Handling.

Irgendwann muß ich auch endlich mal 2 gleiche Spiegel anbauen. Aber heute nicht mehr.

REVERE

kleines Bild = vor dem Umbau. Gräßliche Lenkerteile einer Einbauküche.

Die Umbauten müssen eingetragen werden.
Gabelbrücke hat Mustergutachten.

(C)2002 Motobiker Gibraltar (sorry.... Klick auf die Bilder blendet Werbung ein)
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